Jutebeutel und Papiertüte - Praktische Einkaufshelfer oder Ökosünde?

Welche Tasche nehme ich nur? Jutebeutel oder Papiertüte?

Kennt ihr das - ihr steht im Supermarkt, wolltet nur schnell noch was für’s Abendessen kaufen und habt SCHON WIEDER eure eigene Einkaufstasche vergessen. Da kneift einen dann doch ganz schön das schlechte Gewissen und man muss sich außerdem blitzschnell im Taschen-Dschungel unter der Kasse zurechtfinden. Hilfe!

Wir wollen für euch versuchen, ein wenig Klarheit in die vielen Alternativen zur in Verruf geratenen Plastiktüte zu bringen!

Nachdem die Plastiktüte zurecht als No Go gilt, fühlt es sich doch erst einmal nach ökologischem Fortschritt an, dass viele Geschäfte als Alternativen Jutebeutel, Stofftragetaschen und Papiertüten anbieten. Dazu greifen viele Einkäufer an der Kasse gern.
Im Einzelhandel, aber auch im Eventbereich ist die Nachfrage nach lustigen und farbenfrohen Beuteln in den letzten zwei Jahren dementsprechend deutlich gestiegen, berichtet die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung in Mainz. Die Anzahl der ‚mal schnell mitgenommenen’ Kunststofftragetaschen sank seit dem Jahr 2000 von ca. 7 Milliarden auf ‚nur noch‘ 3,7 Milliarden Stück. (1)
Also, dann sind wir doch zumindest in diesem Bereich auf dem richtigen, nachhaltigen Weg - oder? Die Bilanz der ‚Taschen- und Tütenwirtschaft‘ ist verschiedenen Quellen zufolge leider nicht so rosig wie wir uns das erhofft haben.

Wie häufig muss ich die Taschen nutzen bis die umweltfreundlich  sind?

So hat die deutsche Umwelthilfe festgehalten, dass ein Baumwollbeutel zwischen 25 - 32 Mal genutzt werden muss, um in der Herstellung ökologisch nachhaltiger zu sein als eine Plastiktüte.(2) Das britische Umwelt - Ministerium fand in einer Studie zuletzt sogar heraus, dass man im Supermarkt erstandene Baumwollbeutel mindestens 130 Mal nutzen muss, damit tatsächlich ein Mehrwert gegenüber einer Plastiktüte entsteht. (3)
Unser ökologisches Gewissen ist also kurzfristig beruhigt, wir haben aber primär unserer Umwelt nichts Gutes getan, wenn wir von der Plastiktüte auf einen ‚Wegwerf - Jutebeutel’ umsteigen. Das liegt vor allem daran, wie Baumwolle produziert wird: extrem ressourcenintensiv! Ein Kilogramm Baumwolle verbraucht in der Produktion zum Beispiel knapp 11.000 Liter Wasser, und während die Baumwolle noch wächst und gedeiht, werden extrem viele Chemikalien zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt.
Um das ‚System‘ ein wenig besser zu verstehen, haben wir uns einmal auf die Suche gemacht, was man über die Rohstoffe für den Alltagsgegenstand eigentlich in Erfahrung bringen kann, denn nur so ist ein achtsamer Umgang damit möglich, finden wir!

Umweltsünde Baumwollproduktion - miese Ökobilanz

Dazu ist erst einmal wichtig, zwischen Jute und Baumwolle als Rohstoff zu unterscheiden.
 Und was ist jetzt eigentlich was? Richtige ‚Jutebeutel‘, wie sie auch im Modebereich inzwischen gern als schickes Accessoire genutzt werden, werden aus den Fasern des aus Indien stammenden Corchorus - Baumes hergestellt. Dieser fühlt sich in feuchtheißem Klima zwischen 24 - 35 °C am wohlsten und benötigt somit zum optimalen Wachstum auch eine hohe Luftfeuchtigkeit und starke Regenfälle. (4)
Ideal sind als Wachstumsuntergrund außerdem Schwemmlandböden, da der Corchorus-Baum die Fruchtbarkeit des Bodens schnell erschöpft. Durch das regelmäßige Überschwemmen werden neue Nährstoffe in die Böden gespült, die die Jute zum Wachsen braucht. Diese Voraussetzungen findet man vor allem in Indien. Auch beim Jute-Anbau werden Dünger eingesetzt und Pestizide genutzt, so spielt auch hier die Überdüngung und Übersäuerung der Böden eine Rolle. Die Flachse des Baumes erreichen eine Länge von bis zu vier Metern und können im Takt von vier Monaten abgeerntet werden. In der Weiterverarbeitung werden sie je einen Monat eingeweicht und getrocknet, erst dann erhalten sie ihre typische hellbraune Farbe. Schließlich werden die Fäden gekämmt, gesponnen und zurechtgeschnitten, bevor sie auf riesige Stoffrollen aufgezogen werden. Da die Produktion von Jute extrem personalintensiv ist und in Indien bzw. Bangladesh günstige Arbeitskräfte häufig  ausgebeutet werden, sollte man auch beim Kauf von Juteprodukten neben dem ökologischen Aspekt auf fairen Handel achten.

Auch bei der Baumwolle handelt es sich um eine Pflanzenfaser, (botanische Bezeichnung: Gossypium), die einen langen Weg vom Wachstum zum fertigen Baumwollstoff zurücklegen muss. Zwischen der industriellen Art von Baumwoll - Anbau und dem biologischen Verfahren gibt es prägnante Unterschiede. Bio - Baumwolle wird unter anderem in Griechenland und Spanien angebaut, diese macht jedoch in der gesamten Weltproduktion nur ca. ein Prozent aus! Der biologische Anbau und auch die Verarbeitung der Fasern läuft komplett ohne Maschinen ab. Außerdem werden bei Anbau und Herstellung keine gesundheitsschädigenden Stoffe wie Pestizide genutzt. Da die Baumwollpflanze sehr anfällig für Krankheiten ist, sichert die industrielle Produktion ihre hohen Erträge durch den Einsatz von Pestiziden und Genmanipulation.
Bis zu einem Viertel aller Insektizide, die weltweit genutzt werden, kommen nach Expertenschätzung auf Baumwollfeldern zum Einsatz!! Die Chemikalien verseuchen dabei nicht nur dauerhaft Boden und Grundwasser, sondern haben auch gravierende Folgen für die Menschen, die in der Umgebung leben oder mit der Baumwolle arbeiten.

Bei der Arbeit mit biologischer Baumwolle entfällt dieses Risiko, zudem erhalten die Menschen, die mit dem Rohstoff arbeiten, in der Regel faire Löhne.
Baumwolle benötigt, ebenso wie Jute, extrem viel Wasser. Beim Anbau biologischer Baumwolle wird mithilfe von Tröpfchen und Furchen bewässert und somit Wasser gespart. Humus und Pflanzenjauche, also natürliche Düngemittel, wirken sich nicht belastend auf den Boden aus und machen ihn so über wesentlich längere Zeit nutzbar. Zudem ist die Qualität der Bio - Baumwolle deutlich höher, da hier nur reife Kapseln geerntet werden. Bei der industriellen Ernte werden auch noch nicht ausgereifte Kapseln abgeerntet, was zu einem Faserverlust führt. Die Weiterverarbeitung der Bio - Baumwolle läuft ähnlich ab wie bei industrieller Baumwolle, jedoch haben viele der abnehmenden Spinnereien verantwortlich handelnde Marken und Unternehmen als Käufer.

Taschen aus Bio Baumwolle vs. Papiertüte

Bleibt also neben der Bio - Baumwolle noch die Papiertüte?
Leider ist auch diese kein wirklich guter, nachhaltiger Ersatz. Zwar muss eine reguläre Papiertüte nur drei Mal wiederverwertet werden, um einen Vorteil gegenüber dem ‚bösen Zwilling‘ aus Plastik zu erzielen, doch meist sind die ‚normalen‘ Papiertüten gerade beim Einkauf wertlos, da sie zu instabil sind und schon nach dem ersten Einsatz reißen. So benötigt man stabilere, dickere Tüten, für deren Produktion längere Cellulosefasern eingesetzt werden müssen. Dadurch kann kein recyceltes Papier zum Einsatz kommen und man benötigt neu hergestelltes Papier…und schon wird es wieder schwierig mit dem Nachhaltigkeitsgedanken, denn einen ‚frischen Rohstoff‘, für einen Zwischendurch- Einkauf verschwenden…
Lohnenswert für die Umwelt und nachhaltig im Vergleich ist der Kauf von Ersatz - Einkaufstaschen vor allem aus Stoff also erst dann, wenn man ihn non stop mit sich trägt, ihn entsprechend häufig nutzt und kein ‚Einwegprodukt‘ daraus macht.

Einkaufstipps für einen nachhaltigen Einkauf

Hier noch ein paar Tipps wie man das Problem umgehen und die Umwelt schützen kann und Einwegprodukte zu vermeiden.

  • Wenn ihr keine Tasche dabei habt, weicht lieber auf einen gebrauchten Pappkarton aus dem Supermarkt-Regal aus, der ist schon da und würde sonst eh nur in den Müll wandern. So kommt kein ‚neuer’ Rohstoff zum Einsatz.
  • Plane deinen Einkauf oder hänge dir deine eigene Kollektion an Einkaufstaschen direkt an die Küchentür oder Haustür und ins Auto, damit du sie nicht vergisst!
  • Achte bei der Entsorgung von Jute-Beuteln darauf, diese nicht in den Hausmüll zu werfen, sondern gib sie entweder zum Recyclen in die nächste Altkleidersammlung oder zerschneide sie und nutze sie z.B. als Putzlappen, die KEIN Mikroplastik ins Wasser abgeben.
  • Achte beim Kauf von Baumwollprodukten auf Öko- / Bio-Baumwolle um Schadstoffe in der Umwelt zu minimieren.

 

Quellen:

(1)  https://www.merkur.de/wirtschaft/traurige-wahrheit-ueber-jutebeutel-unser-oeko-gewissen-beruhigen-sollen-zr-9442283.html

(2) https://www.codecheck.info/news/Wie-oekologisch-sind-Jutebeutel-233216

(3)  Beitrag „quer“ - Ökosünde Jutebeutel, BR, 2019

(4) https://www.careelite.de/jutesack-statt-plastiktuete/